Am Montag brachten die Eltern ihre Kinder in die Wochenkrippe, am Freitag oder Sonnabend holten sie sie wieder ab. Dazwischen lagen Tage und Nächte, in denen Säuglinge und Kleinkinder ohne ihre Eltern auskommen mussten. Manche waren erst wenige Wochen alt. Während die Erwachsenen arbeiteten, bestimmten feste Tagesabläufe und das Betreuungspersonal den Alltag der Kinder. Für diese konnte die regelmäßige Trennung zu einer schmerzlichen Erfahrung werden.
Alexander Teske gehört selbst zu den ehemaligen Wochenkindern. In „Die Wochenkinder. Frühe Trennung, späte Folgen“ verbindet er die Suche nach seiner eigenen Kindheit mit den Lebensgeschichten anderer Betroffener. Er untersucht, wie staatliche Familienpolitik und wirtschaftliche Zwänge deren frühe Entwicklung bestimmten.
Die Wochenkrippen entsprachen dem gesellschaftlichen Leitbild der DDR, die weibliche Erwerbstätigkeit förderte und zugleich auf die Arbeitskraft der Mütter angewiesen war. Schichtarbeit, lange Arbeitswege und schwierige familiäre Verhältnisse machten die Wochenbetreuung für manche Eltern zu einer willkommenen, für andere zu einer kaum vermeidbaren Lösung. Teske betrachtet ihre Entscheidungen aus den damaligen Lebensumständen heraus und würdigt auch die Fürsorge vieler Erzieherinnen.
Für die Kinder besaßen diese Verhältnisse eine andere Bedeutung. Ein Säugling kann weder die Arbeitsverpflichtungen seiner Eltern verstehen noch deren Rückkehr absehen. Er braucht Nähe und verlässliche Bezugspersonen. In Einrichtungen mit zahlreichen Kindern blieb dafür mitunter wenig Zeit. Berichte über kahle Schlafräume, dicht gereihte Gitterbetten und eine streng geregelte Versorgung vermitteln einen Eindruck vom Alltag. Einzelne Zeugnisse schildern auch nächtliche Fixierungen, Beruhigungsmittel und die Isolierung kranker Kinder. Ihre Verbreitung bleibt ungewiss.
Teske kam mit etwa zehn Monaten in eine Wochenkrippe. Seine Großmutter erinnerte sich, dass er bereits auf dem Weg dorthin geweint und nach seiner Rückkehr zunächst kaum gesprochen habe. Ihm selbst fehlt jede bewusste Erinnerung. Frühe Erfahrungen können sich jedoch emotional einprägen und das spätere Verhalten beeinflussen, ohne autobiographisch erinnert zu werden. Aus familiären Erzählungen und historischen Zeugnissen versucht Teske deshalb, seine frühe Kindheit zu erschließen.
Auch Jan Josef Liefers, Sandy Graf und Bernd Liebenau berichten von ihren Erfahrungen. Teske verbindet solche Lebensgeschichten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, insbesondere den Arbeiten der Psychoanalytikerin Agathe Israel. Bereits die DDR-Sozialhygienikerin Eva Schmidt-Kolmer hatte Entwicklungsunterschiede zwischen Kindern in Wochen- und Tageskrippen festgestellt. Neuere Untersuchungen weisen auf mögliche Zusammenhänge zwischen früher Wochenbetreuung, unsicheren Bindungsmustern und späteren psychischen Belastungen hin. Allgemeingültige Schlussfolgerungen lassen sich daraus freilich nicht ziehen.
Teske erweitert den Blick auf die familiäre Vorgeschichte. Krieg, Vertreibung und Nachkriegsnot hatten viele Eltern und Großeltern geprägt. Ihre Erfahrungen konnten das Verhalten gegenüber der nächsten Generation beeinflussen. Auch manche bis heute erkennbaren Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen erschließen sich aus ihrer jeweiligen Sozialisation. Die Wochenbetreuung bildet einen möglichen Teil dieser Geschichte.
Besonders überzeugt Teskes Erzählweise. Schon in „Inside Tagesschau“ schilderte er institutionelle Abläufe anschaulich und persönlich. Hier kommt diese Fähigkeit einem empfindlicheren Gegenstand zugute. Sein klares, schönes Deutsch macht das Buch auch dort gut lesbar, wo die Erfahrungen seiner Gesprächspartner bedrücken. Teske beobachtet genau, urteilt zurückhaltend und lässt die Menschen selbst zu Wort kommen.
Mit „Die Wochenkinder“ hat Alexander Teske ein einfühlsames Stück Sozialgeschichte der DDR geschrieben. Er erschließt eine Vergangenheit, die sich dem bewussten Erinnern vieler Betroffener entzieht, und zeigt, wie politische und wirtschaftliche Verhältnisse bereits die früheste Kindheit prägen konnten. Sein Buch hilft, die DDR aus den Lebensgeschichten ihrer Bürger zu verstehen und ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart zu erkennen.